Bügel einrasten, sonst fliegt man

Donnerstag, den 12.04.2012

 

„Bügel einrasten, sonst fliegt man“ – ein Interview beim Fränkischen Tag.

 

"Leidenschaft: Mit 100 Sachen fast im freien Fall nach unten. Das ist für einen 14-Jährigen aus Wachenroth im Landkreis Erlangen-Höchstadt ein erhebendes Gefühl. Andere sagen dazu Achterbahn fahren. 

 

Achterbahnen sind für Fabian Kratzer das Größte. Ihre Technik fasziniert den 14-jährigen Wachenrother. Seit er denken kann. "Der Moment, wenn der Körper schwerelos ist . . . Du spürst ihn überhaupt nicht mehr", beschreibt Fabian das Gefühl zwischen Himmel und Erde. 
In Holz-Achterbahnen gefällt es ihm am besten, denn "die leben". Bei diesen Bahnen biegen sich bei der Fahrt die Hölzer. "Alles ist viel geschmeidiger als bei der Stahl-Achterbahn", sagt Fabian. Bei der Stahlvariante werden vorgefertigte Teile - Schienen und Stützen - angeliefert, die in Freizeitparks oder auf Volksfesten nur noch zusammengeschraubt werden. 
"Deshalb fährt man auf Stahl hart, sehr hart." Bei Holzbahnen "wird viel individueller vor Ort alles zusammengenagelt". Auch ihre Schienen werden vor Ort gebogen, passend gemacht. 
"Es gibt kein Limit bei der Achterbahn", meint Fabian. Technisch sei da praktisch alles lösbar. Über Achterbahnen weiß Fabian Bescheid. Was er nicht weiß, braucht man nicht wissen. 
Fabians Lieblinge stehen in Deutschland. Zum Beispiel der Silverstar. "So 70 Meter hoch und rund 120 Stundenkilometer schnell." Dieser Star steht im Europa-Park Rust. Nicht ganz so schnell saust die Expedition GE-Force im Holdiday Park in Haßloch durch die Pfalz. Aber die 65 Meter hohe Bahn hat auch rund 110 Sachen drauf - und es geht mit einem Winkel von 80 Grad auf den Schienen einmal fast senkrecht nach unten. Bis zu dem "Moment, wenn der Körper schwerelos ist . . ." 
Fabian hat diese Bahn probiert. Das ist Ehrensache, denn sie ist zehn Mal in Folge als beste Achterbahn der Welt ausgezeichnet worden. Das lässt sich der junge Wachenrother nicht entgehen. Er organisierte einen Kleinbus, packte ihn mit Kumpels und Familie voll - und ab ging es in die Pfalz.
Am allerbesten weiß Fabian über die Achterbahnen im Freizeitland Geiselwind Bescheid. Da kennt er am "Boomerang" und der "Wilden Maus" fast jede Schraube. Oder er hat schon mal mit Helmut Östheimer, dem Technischen Leiter, darüber gefachsimpelt. Östheimer weiß noch mehr über Fabians heißgeliebte Bahnen. Doch der junge Wachenrother holt mächtig auf.
Er kann jetzt auch hinter die Kulissen schauen. Ganz besonders gut ist das im Winter, wenn sich am meisten tut auf dem Gelände des Freizeitparks. Darüber berichtet Fabian schon einige Wochen im Internet.
Er ist seit Ende Februar Webmaster der Fanpage www.fg-info.jimdo.de . Der Adrenalinkick im "Boomerang" oder im "T-Rex-Tower" und den anderen Fahrgeschäften in Geiselwind lässt den Jungen mit der Leidenschaft für die rasenden Bahnen nicht los. Fabian hat sich schon immer über die Fahrgeschäfte in den Freizeitparks informiert, bevor er mit ihnen fuhr. 
Die meisten Parks haben neben der Homepage des Betreibers eigene Fanpages. Geiselwind hatte keine. Da kam Fabian ins Spiel. Und jetzt hat Geiselwind auch eine Fanpage. Im Winter hat Fabian das Konzept entwickelt und die Brüder Michael und Oliver Mensinger, die Geschäftsführer des Freizeitparks, auf seine Idee angesprochen. 
Die beiden hat er überzeugt. Seit März darf er seinen mit Facebook verlinkten Internetauftritt deshalb als offizielle Fanpage des Freizeitparks bezeichnen, bekommt Daten und Termine von den Parkbetreibern. Sie sagen ihm auch, was läuft - oder besser gesagt, was bald fährt. Rund 80 Menschen arbeiten im Winter auf dem Gelände, bauen ab, bauen auf, bauen um. Bevor es im Sommer in den Fahrgeschäften mit den Passagieren wieder fast im freien Fall rauf und runter geht. Bis zu dem "Moment, wenn der Körper schwerelos ist . . ." 
Das beschreibt Fabian auf seiner Fanpage. Sie ändert während der Saison ihr Gesicht. Reportagen kommen im Sommer dazu: "Ein Tag mit . . ." sollen sie heißen. Fabian will dafür auf der Erde bleiben und die Menschen, die im Freizeitland arbeiten, bei ihrem Job zeigen. Hilfe leistet dem begeisterten Webmaster seine Lehrerin Tamara Ignatzek. Sie liest die Texte Korrektur.
Fabians Leidenschaft kostet Mühe, sie braucht Engagement und verschlingt viel, viel Zeit. 14 Jahre, kein Führerschein und der Bus fährt bloß bis Aschbach. Gegen 14 Uhr hält er dort. Von da aus sind es noch acht Kilometer zu Fuß bis zum Freizeitland. Und um 15 fährt der Bus wieder.
Glücklicherweise kennt Fabian zwei Wachenrother, die in Geiselwind arbeiten. So wird er gegen 16 Uhr im Park abgesetzt, wenn der eine anfängt. Aber eine gute Stunde später geht es wieder Richtung Wachenroth: Wenn der andere mit der Arbeit fertig ist.
Im Herbst ist eigentlich schon Weihnachten. Da rückt der Tüv an, bleibt drei Wochen. Fabian will unbedingt dabeisein - und am liebsten jede Testfahrt mitmachen. Bis zum "Moment, wenn der Körper schwerelos ist . . ." 
Disney Land lässt den Mittelfranken kalt. Fabian winkt ab. Null Interesse. "Die sprechen dort Französisch." Bevor sich Fabian in eine Achterbahn setzt, will er fachsimpeln mit dem Operator, der die Bahn steuert. Das geht bei der Unmenge Fachausdrücke nicht auf Französisch. 
Was seine Traum-Bahn ist? Da bleibt Fabian die Antwort kurz schuldig. "Auf jeden Fall aber eine Holz-Achterbahn." Das sagt er ganz entschieden. Bis dahin beschäftigt er sich jeden Tag im Internet mit Geiselwind, guckt auf der DVD die Looping-Achterbahn "Boomerang" an. Und träumt von dem "Moment, wenn der Körper schwerelos ist . . .""


Quelle: inFranken.de

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